Anfang einer Kurzgeschichte, mit der Stefan als Finalist am 21. open mike in Berlin teilnahm. Alle Beiträge aus dem Finale sind in der Anthologie zum Wettbewerb erschienen.


Ich drehe mich noch einmal auf die andere Seite, die linke. Ein leichtes Drücken unterm Schlüsselbein, da wo der Port sitzt, auf den Brustmuskel genäht hat man ihn mir, den Titanring, der das Gummikissen umfasst, das zu einem Schlauch wird, den man in eine Arterie gelegt hat, deren Namen ich mir nicht merken kann, nur, dass sie auf direktem Weg ins Herz führt, mein Herz.
Ich sehe mich als Gespenst an meinem Geburtstagstisch sitzen, 26 Jahre, herzlichen Glückwunsch, da haben welche Kuchen gebacken, Mama und Omi, vielen Dank, sogar mit Schriftzug, der eine aus Sahne auf Erdbeer- und der andere so Grün und Gelb auf Schokoladengrund und beide Kuchen sagen: 26, alles Gute. Ich bin auch da, als Gespenst, ohne Haare, ohne Augenbrauen, am Ende gingen mir alle Wimpern aus, um die mich jedes Mädchen beneidet hätte, hast du einmal gesagt, dabei hast du doch selbst so schöne lange Wimpern, deine reichen aus für uns beide. Mit Mütze am Geburtstagstisch im Garten, das war mein Summer of Love & Poison, die Chemo-Medikamente per Infusion direkt in das Gummikissen unter der Haut. Meine Eltern nennen mich Schlumpf, dabei ist meine Haut gelb und nicht blau, meine Mütze grau und nicht weiß. Für jede Wimper einen Wunsch. Für jede Wimper, die mir ausgeht, einen Wunsch. Du hast angefangen zu weinen am Küchentisch, dabei war das doch ein schöner Tag, du hast trotzdem geweint, weil du das alles noch nicht so ganz kapiert hattest, Mama musste dann auch heulen, ich nicht.
Ich erst später.

Du wolltest wissen, was das für ein Pflaster ist, unterhalb des Schlüsselbeins, das war nur ein Tag nach der OP, ich wollte es dir nicht erklären, ich wollte lieber knutschen, bevor mir alle Haare ausgingen und du hast mitgemacht, später fanden wir uns nackt in meinem Bett wieder, nackt, bis auf das Pflaster, bis zum nächsten Morgen und wie du geschwitzt hast in der Nacht, so wie ich jetzt, in diesem ersten Sommer in dieser Stadt, die doch keine richtige Stadt ist, die nur so tut als ob. Von meinem Zimmer aus schaue ich ins Grüne, da ist ein Balkon vor dem Fenster, da saßen wir dann auch am nächsten Morgen und probierten Nutella mit Erdnussbutter, mir hat es nicht so gut geschmeckt.
Jetzt schreibst du mir aus Schottland und willst mich übers Internet anrufen, aber ich tue so, als hätte ich keine Zeit, ich antworte knapp, ich gratuliere dir nachträglich zum Geburtstag – wie alt bist du jetzt? – und du freust dich über meine Fotos auf Facebook, ja, richtig, ich habe jetzt wieder Haare, wie vor einem Jahr, als wir uns kennenlernten und du wissen wolltest, wer ich bin, wenn auch nur kurz. Locken sind es geworden, das ist normal nach acht Zyklen Chemotherapie, ich mag Locken, ich mochte auch deine Locken, die du dir abrasieren wolltest aus Sympathie zu mir, das war nett, und gar nicht nötig. Ich glaube, es ging dir dabei mehr um dich als um mich.

 

Ich höre mir dabei zu, wie ich davon spreche, nie wieder jemanden kennenlernen zu wollen. Ich sage das zu meiner Mitbewohnerin oder zu mir selbst beim Spazieren im Wald, ich möchte niemanden mehr kennenlernen, sage ich, so, als würde ich es mir glauben. Ich glaube, höre ich mich sagen, das alles hat mich so einschlägig verändert, dass es dumm wäre, dumm oder fatal, jetzt jemanden kennenzulernen, der nicht weiß und nie wissen kann, wer ich einmal war. Wer ich war, als ich noch sauber war, also frei von diesem Gift, als ich noch keine Locken hatte und keine Narbe unterhalb des Schlüsselbeins. Ich meine, vielleicht trifft man mal einen, mit dem man dann schläft oder Kaffee trinkt, aber einem unbekannten Menschen so von vorne erzählen, was mir passiert ist im Leben, dafür hab ich, glaube ich, einfach keine Geduld mehr.

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